Kreisliga 8: Siems dreht das Derby trotz Unterzahl


Äußerst wohl hatte sich der Heidgrabener SV in den vergangenen Spielzeiten auf den Sportanlagen seines Nachbarn FC Union Tornesch II gefühlt: Erst an der Friedlandstraße und dann im „Fußballpark Torneum“ gewann der „kleine HSV“ dreimal in Folge bei der Union-Reserve. Am Sonntag endete diese Serie: Die Tornescher drehten in einem Derby, das von drei Platzverweisen sowie einigen Irrungen und Wirrungen um Schiedsrichter Thomas Grade (von der Groß Flottbeker SV) überschattet wurde, trotz Unterzahl einen 0:1-Rückstand noch zum 2:1-Sieg und verteidigten damit ihre Tabellenführung in der Kreisliga 8. Aber der Reihe nach ...

In der zwölften Minute wehrte HSV-Keeper Krystof Barth einen Schuss von Jan Aufgebauer außerhalb seines Strafraums zunächst mit dem Kopf ab, ehe der Ball an seine erhobene Hand sprang. Grade pfiff und die Heidgrabener hörten auf, zu spielen, woraufhin ein Tornescher den Abpraller in das verwaiste Gehäuse schob. Grade pfiff erneut und zeigte „Tor“ an, was natürlich irregulär war, weil er die Partie vor dem Torschuss bereits unterbrochen hatte. Grade war sich offensichtlich unsicher und lief zu seinem Assistenten Stefan Schacht (TuS Osdorf). Daraufhin ging Grade zu HSV-Kapitän Fabian Doell und soll ihn, wie Doell anschließend seinem Trainer Ove Hinrichsen berichtete, sinngemäß gefragt haben: „Wollt ihr lieber zu zehnt weiter spielen oder mit 0:1 in Rückstand sein?“ Fassungslos ob dieser Frage entgegnete Doell dem Referee dem eigenen Bekunden nach sinngemäß, dass Fußball „kein Wunschkonzert“ sei und er „bitte selbst eine Entscheidung treffen“ solle. Dies tat Grade dann ‒ und in der Konsequenz auch regelkonforme: Barth bekam die Rote Karte und der Treffer zählte nicht, sondern es ging mit einem Freistoß für die Tornescher weiter. Diesen setzte, nachdem HSV-Torwart-Trainer Pascal Fritz den Posten zwischen den Pfosten übernommen hatte (Leon Sorgenfrei fehlte verletzt), Marcel Lambert aus 16 Metern „in das Nirwana“, so FCU-Coach Andreas Popko.

HSV-Trainer Hinrichsen war „fassungslos“ ob der angeblichen Nachfrage von Grade bei Doell: „Der Schiedsrichter hat sehr unglücklich agiert und mit seiner unsicheren Art für Unruhe auf dem Feld gesorgt.“ Erfreut registrierte Hinrichsen, dass sein Team „in Unterzahl wenig zuließ“. Die Hausherren hatten zwar viel Ballbesitz, aber kaum zwingende Aktionen. In der 35. Minute leistete sich Marcel Lambert dann einen Ballverlust, woraufhin Doell auf der rechten Seite einen langen Pass spielte. Und als sich im Union-Strafraum Keeper André Lambert und Verteidiger Lennart Maack, eine Liga-Leihgabe, gegenseitig behinderten, war HSV-Torjäger Philippe Schümann der lachende Dritte, der zwischen seinen beiden Gegnern hindurch zum 0:1 einschoss und jubelnd abdrehte. André Lambert beschwerte sich vehement bei Grade ‒ vermutlich, weil er der Meinung war, nicht von seinem Mitspieler, sondern von Schümann behindert worden zu sein. Der Unparteiische zeigte dafür erst die Gelbe Karte und, als André Lambert weiter meckerte, „Gelb-Rot“, so dass der Torwart im ersten Einsatz nach seiner Hochzeit gleich vom Feld flog.

Da Max Wunderlich, die eigentliche Nummer eins der FCU-Reserve, im Urlaub weilte, und kein anderer Keeper auf dem Spielberichtsbogen eingetragen worden war, hütete fortan mit Dominik Dabrowski ein eigentlicher Feldspieler das Gehäuse der Hausherren. Allzu vielen Prüfungen wurde er nicht mehr unterzogen, obwohl sein Team kurz vor der Pause in Unterzahl geriet. Denn nach einem Zweikampf an der Mittellinie, bei dem Jan-Philip Bätz seinen Ellenbogen einsetzte, nannte Marcel Lambert den Heidgrabener laut „Missgeburt“. Neben zahlreichen Zuschauern hatte dies auch Schiedsrichter-Assistent Yüksel Kilic gehört ‒ und auf Nachfrage bei Kilic zückte Grade auch gegen Marcel Lambert, den Bruder des Tornescher Torhüters, die Rote Karte (44.). So war für die Heidgrabener aus der Unter- eine Überzahl geworden. „Das tat uns aber offensichtlich gar nicht gut“, so Hinrichsen. In den ersten zehn Minuten des zweiten Durchgangs besaßen die Gäste noch zwei aussichtsreiche Chancen, die sie aber nicht gut ausspielten. „Danach haben wir aufgehört, Fußball zu spielen, und nicht mehr genügend investiert“, tadelte Hinrichsen. Die Union-Reserve witterte zudem Morgenluft, als Maximilian Willmer nach einer Flanke von Jannik Siems per Flugkopfball die Latte traf (60.).

In einer dramatischen Schlussphase gelang es den Torneschern dann tatsächlich noch, das Derby zu drehen: Ein Siems-Freistoß, der Fritz durch seine Beine rutschte, bedeutete den 1:1-Ausgleich (76.). Und acht Minuten später war es erneut Siems, der nach einer Ablage des eingewechselten Jann-Phillip Gollnick im Gäste-Strafraum zum 2:1 hoch in das lange Eck einschoss. „Aufgrund der zweiten Halbzeit hätten wir es nicht verdient gehabt, etwas Zählbares mitzunehmen“, gab Hinrichsen zu. Dagegen zog Andreas Popko imaginär den Hut vor seinem Team und lobte: „Aufgrund einer hervorragenden charakterlichen Einstellung haben wir das Spiel in der zweiten Halbzeit verdient gedreht, weil wir auch fußballerisch besser waren.“ Schiedsrichter Grade, der die Sportanlage erst um 16 Uhr verließ, ist zu wünschen, dass er zukünftig weniger Probleme bei seinen Spielleitungen hat.

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